Landesverband Bayern

Was ist und was ist nicht Inklusion (und trotzdem gut)?

Jetzt geht die mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) angestoßene allgemeine Inklusionsdebatte schon ins sechste Jahr, und immer noch ist es angezeigt, den Begriff der „Inklusion“ grundsätzlich zu betrachten – vor allem im Hinblick auf die sich aus diesem Begriff ergebenden Konsequenzen für Soziale Arbeit sowie das soziale und gesundheitsbezogene Handeln im Rahmen von Wohlfahrtspflege.

Wir sehen neben guten Umsetzungsbeispielen, dass der Begriff doch recht häufig unreflektiert und auch falsch verwendet wird. Da kann einerseits positiv berichtet werden von Arbeitgebern, die Strukturen im Betrieb so verändert haben, dass Menschen mit intellektuellen Einschränkungen sinnvolle Tätigkeiten ausüben können und zu anerkannten Teilen der Belegschaft werden. Es finden sich andererseits innerhalb des Feldes der Behindertenhilfe Beispiele von sogenannten inklusiven Maßnahmen, die sich nur dadurch als inklusiv auszeichnen, weil sich in der Maßnahme behinderte und nicht-behinderte Menschen begegnen. Und wir beobachten an einigen Stellen den Einstieg in Veränderungsprozesse, die sehr schnell gestoppt werden, weil ein Mehr an Inklusion nicht machbar scheint und den Beteiligten nicht zugemutet werden kann – so am Beispiel der „Inklusiven Schule“.

Nun wäre einzuwenden, das die unreflektierte Begriffsverwendung und der „Etikettenschwindel“ zu verkraften wären, solange die damit verbundenen Maßnahmen und Veränderungen fachlich richtig und positiv in ihrer Wirkung auf die betroffenen Menschen sind. Ja, aber damit verschenkt man doch zu einfach die gesellschaftsverändernde Kraft des Inklusionskonzepts beziehungsweise opfert sie auf dem Altar des Pragmatischen, Konfliktarmen, Finanzierbaren. So ein bisschen Inklusion geht einfach nicht.

Der Paritätische setzt mit dem Motto „Alle gehören dazu“ einen sozial- und gesellschaftspolitisch motivierten Schwerpunkt für das Verbandshandeln. Er präzisiert und konkretisiert damit das Programm, das in seinen zehn Forderungen zur Inklusion von 2012 skizziert wird und dem die politische Frage zu Grunde liegt, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen.

Im Folgenden noch einmal der Versuch der Erläuterung des zu Grunde liegenden handlungsleitenden Begriffsverständnisses.


Inklusion: die Utopie von Teilhabe und Gerechtigkeit

Die Gesellschaft verändernde Kraft des Inklusionskonzepts scheint auch der Bundesregierung klar zu sein – zumindest, wenn man das Vorwort der damals zuständigen Ministerin Ursula von der Leyen im ersten Nationalen Aktionsplan liest: „Das Ziel ist klar: Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen mitmachen können.“ Und es heißt weiter: „Mit dem Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention stößt die Bundesregierung einen Prozess an, der in den kommenden zehn Jahren nicht nur das Leben von Menschen mit Behinderungen maßgeblich beeinflussen wird, sondern das aller Menschen in Deutschland. Denn die Idee der Inklusion, zentraler Leitgedanke der UN-Behindertenrechtskonvention, wird unsere Alltagskultur verändern.“

Auch wenn im Aktionsplan im Weiteren nur noch von Menschen mit Behinderungen gesprochen wird, wird hier im Vorwort richtigerweise darauf verwiesen, dass der Begriff Inklusion und alle damit verbundenen Aktivitäten nicht auf Menschen mit Behinderungen eng geführt werden kann. Zu Inklusion gehört notwendig der Gegenbegriff „Exklusion“, und ausgeschlossen werden in unserer Gesellschaft strukturell und systematisch diejenigen, die aus irgendeinem Grund nicht mithalten können (oder sollen), Menschen, die anders sind. Armut oder Alter gehören genauso wie körperliche oder psychische Beeinträchtigungen oder eine andere Herkunft zu den Exklusionsrisiken. Im Konzept der Inklusion werden diese Risiken und die Hürden (Barrieren), die dem Einzelnen oder Gruppen in den Weg gelegt werden, bearbeitet. Bei Menschen mit Behinderungen mag dies eine besonders herausfordernde Aufgabe sein, weil sie über einen sehr langen Zeitraum ausgesondert und „beschützt“ wurden und die Gesellschaft dementsprechend viel Aufwand für Inklusion betreiben muss. Inklusion ist aber ein Konzept, das sich an alle richtet.

Es ist diese Doppelperspektive auf die Menschen mit ihren Exklusionsrisiken und auf die Barrieren in den gesellschaftlichen Institutionen, die das Inklusionskonzept vom bisherigen Ansatz der Integration unterscheiden. Inklusion findet statt, wenn die Fähigkeiten des Einzelnen und die Möglichkeiten, die von der gesellschaftlichen Institution zur Verfügung gestellt werden Anschluss finden und damit Teilhabe ermöglicht wird.

Da haben wir den Menschen mit einer Gehbehinderung, der einen Rollstuhl bekommt und damit die Fähigkeit erwirbt, besser mobil zu sein, dessen Mobilität und damit Teilhabe aber ein jähes Ende findet, wenn im ÖPNV keine Aufzüge zum Bahnsteig vorhanden sind.

Da haben wir den Menschen, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist, oder jemand, der das, was manchmal in Schreiben vom Amt steht, nicht versteht. Deutschkurse (als typisches Integrationsangebot) unterstützen die Teilhabefähigkeiten dieser Person. Ein muttersprachlicher Flyer zu einem Angebot oder ein freundliches Amtsschreiben, in dem man sich um Verständlichkeit bemüht, erhöhen die Teilhabechancen aber von der Seite der Möglichkeiten her.

Die linke und die rechte Seite des Modells sollten in einem sinnvollen Verhältnis stehen. Oder anders gesagt: der Punkt, an dem sich die Fähigkeiten des Individuums und die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Institutionen treffen, sollte nicht zu weit auf der linken oder rechten Seite sein. Kann ein Schüler mit einer ausgeprägten Lernbehinderung auf der Fähigkeiten-Seite mit Assistenz so weit versorgt werden (bis hin zur stellvertretenden Handlung), dass der Anschlusspunkt ganz rechts nahe dem normalen Abitur liegt? Kann andererseits das Ziel der gymnasialen Ausbildung und damit die Teilhabemöglichkeiten der Institution Gymnasium so weit gesenkt werden (und der Anschlusspunkt damit ganz nach links gezogen werden), dass der gleiche Schüler ohne weitere Unterstützung seinen Abschluss machen kann?

Am Beispiel der Schule wird deutlich, dass bei den bisherigen Bemühungen um Veränderungen hin zu mehr Inklusion die Frage, was denn in der jeweiligen Situation die größte Barriere ist, oft nicht beantwortet und wenn doch, dann sehr schnell als nicht zu senken verworfen wird. Schule ist geprägt vom Modell des Wettbewerbs und hat eine wesentliche Aufgabe in der Selektion. Das ist die wesentliche Barriere. Wenn dies zu Gunsten eines mindestens gleichwertigen Ziels des gelungenen Miteinanders verändert würde, bekäme die Vorstellung einer gemeinsamen Beschulung sehr unterschiedlicher Kinder eine andere Grundlage. Natürlich hätten nicht alle am Ende den gleichen Abschluss. Es gäbe inhaltlich ausdifferenzierte Unterschiede mit nicht diskriminierenden Bewertungen.

Durch die Perspektive der „Teilhabe-Möglichkeiten“ bekommt die Inklusionsdiskussion ihre politische Dimension. Die Gesellschaft und ihre Institutionen müssen Voraussetzungen schaffen für die Ermöglichung von Teilhabe. Es geht um die Verteilung von Ressourcen und um die Vermeidung von Ausgrenzung/Distinktion, die überall im Kleinen wie im Großen durch institutionelles Handeln droht. Und – was fast noch tiefgreifender und revolutionärer ist – unser derzeitiges Gesellschaftsmodell, das (fast ausschließlich) auf Wettbewerb beruht, wird im Kern angegriffen und ein Modell des Miteinander von Ungleichen dagegengestellt. Ein Modell, das auf einem Gerechtigkeitsbegriff beruht, der nicht der Gleichmacherei das Wort redet, aber die gleiche Ermöglichung zur Befähigung zu einem guten Leben.
Zugegeben, aus der heutigen Situation heraus betrachtet eine Utopie.

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Diese Frage bekommt spätestens an dieser Stelle ihre Bedeutung in der Inklusionsdiskussion. Nicht nur am Beispiel Schule wird in der Umsetzung von Maßnahmen zu einer vermeintlichen Inklusion deutlich, dass die Inklusion nicht vom Ende her gedacht wird, sondern nur der jeweils nächste Schritt unter „Realitätsgesichtspunkten“ diskutiert und bewertet wird. An zu vielen Stellen wird gesagt (und gedacht), dass das gar nicht geht, dass es nicht für alle geht und – ganz geschickt – dass es auch von den zu Inkludierenden nicht immer gewollt wird. Man will ja schließlich nicht überall selbstverständlich dabei sein.

Dass man damit nicht weit kommt, versteht sich von selbst.


Das ist ja utopisch und – persönlich gesprochen – das ist auch gut so!

Was ist eigentlich falsch daran, sich von einer Utopie leiten zu lassen? Ein optimistisch-fantastischer Gesellschaftsentwurf kann mit seinen gesellschaftskritischen Bestandteilen sehr viele praktische Folgen in der Gegenwart bewirken. In der Diskussion  darüber, ob etwas derzeit möglich ist oder nicht, entstehen ja Ideen für neue Möglichkeiten. Die Kreativität wird gefördert und bekommt ihre Chance.

Wie traurig wäre das denn, wenn man sich mit dem vom Primat aus Leistung und Wettbewerb geprägten bayerischen Schulsystem in seiner derzeitigen Form für alle Zeit abfinden würde? Und ist es denn wirklich undenkbar, dass ein Schulmodell, das den Wettbewerb in die zweite Reihe schiebt, auch gute Fachleute hervorbringt?

Muss man sich wirklich damit abfinden, dass wir für alle Zeit eine Arbeitswelt vorfinden, die sich ausschließlich an Leistung und Wettbewerb orientiert, und dass wir befürchten müssen, dass uns eine Abkehr von diesem Prinzip in die Steinzeit katapultieren würde? Und ist es wirklich nicht machbar, dass die oberste Maxime von Verwaltungen lautet, alles zu tun, damit alle Bürgerinnen und Bürger ihre Angelegenheiten so leicht wie möglich regeln können?

Ganz ehrlich, mir gefallen solche Utopien, und ich lasse mich auch gerne von solchen Utopien leiten. Auch aus der Überzeugung heraus, dass am Ende Vieles doch denk- und vor allem machbar ist – wir brauchen jeweils einen Plan und wir brauchen möglicherweise einen sehr langen Atem.

Womit sich der Text von der abstrakten gesellschaftspolitischen Ebene wieder herunter bewegt auf die praktische Ebene des Handelns als Wohlfahrtsorganisation beziehungsweise des Handelns der im Sozialen Bereich Tätigen. Auf was ist zu achten, wenn sich der Paritätische mit dem Thema Inklusion auseinandersetzt?


Bei uns findet Inklusion eigentlich nicht statt

Zunächst mal eine vielleicht überraschend klingende Feststellung an den Anfang gesetzt: die Freie Wohlfahrtspflege ist nicht an erster Stelle zu nennen, wenn man sich auf die Suche nach den wesentlichen Akteuren und wichtigen Orte für Inklusionsprozesse begibt. Eine stationäre Behindertenhilfeeinrichtung kann sich noch so sehr anstrengen, sie kann nicht inklusiv sein. Es gibt diese Einrichtungen, und wir brauchen sie, weil die Gesellschaft keine Möglichkeiten schafft, dass zum Beispiel Menschen mit schweren geistigen Behinderungen selbstverständlich mitten unter uns leben können. Mit kleineren und ambulanten Wohnformen nähern wir uns zwar dem Ideal des „selbstverständlich mittendrin“, aber es bleiben trotzdem Sonderwelten. Was ihrer Notwendigkeit ebenfalls keinen Abbruch tut. Es gibt sie, weil die Unterstützung eines möglichst selbstbestimmten Lebens für zum Beispiel psychisch kranke Menschen in sozialen Notlagen anders nicht zu organisieren ist. „Nicht-inklusiv“ ist kein fachliches oder ethisches Werturteil.

Natürlich haben alle diese Dienste und Einrichtungen auch ihre wichtigen Rollen in Inklusionsprozessen. Durch assistierende, beratende und betreuende Arbeit in pädagogischer und psychosozialer Ausprägung machen sie sich um die linke Seite des Inklusionsprozesses verdient. Sie befördern die Teilhabe-Kompetenzen und -fähigkeiten. Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma, „nicht-inklusiv“ zu sein, könnte mit dem Begriff „inklusionsorientiert“ gefunden werden, denn gute fachliche soziale Arbeit mit Menschen, die soziale Probleme haben und von Exklusion bedroht oder betroffen sind, sucht immer die Anschlüsse an die Teilhabemöglichkeiten in der Gesellschaft. Aber dann kann man sich den Begriff auch sparen, weil er keinen neuen Sachverhalt beschreibt.

Die Inklusionsfrage im engen Sinne stellt sich in der Wohlfahrtspflege nur insofern, als die Organisationen auch gleichzeitig gesellschaftliche Institutionen sind, etwa als Arbeitgeber fungieren. Hier gilt es über Zugangsmöglichkeiten und andere strukturelle Bedingungen der Organisation nach zu denken.


Potentiale für Inklusion sind im Sozialraum zu entdecken

Inklusionsprozesse können die im Sozialen Bereich Tätigen auch noch auf anderem Wege unterstützen. Sie kennen die Exklusionsprozesse und Barrieren und wissen um die Fähigkeiten exkludierter Menschen. Diese Expertise ist der Ausgangspunkt, um Impulse bei den gesellschaftlichen Institutionen zu setzen und die Menschen in diesen Institutionen zu befähigen, mit Ungleichheit umzugehen. Konkret wird das in den Sozialräumen der Menschen und befördert die inklusive Entwicklung dieser Sozialräume und des Gemeinwesens als Ganzes.

Soziale Arbeit bedient sich an dieser Stelle des Fachkonzepts „Sozialraumorientierung“, das im Kern darauf abzielt, aus der beratenden, betreuenden oder assistierenden Einzelfallarbeit heraus auch die Ressourcen des Sozialraums in die Fallarbeit einzubeziehen und für den betroffenen Menschen nutzbar zu machen – mit dem Effekt, dass durch fallunspezifisches und fallübergreifendes Arbeiten die Lebensqualität im Gemeinwesen erhöht wird. Kompetenzen sind dafür da (unter anderem Netzwerkarbeit), nur fehlt es nicht selten an den Kapazitäten, da sich die Vergütungslogik in den meisten Bereichen nur am Einzelfall orientiert.


Ohne Partizipation wird das nichts

Zu betonen, dass in Inklusionsprozessen Partizipation ein notwendiges Prinzip darstellt, sollte eigentlich überflüssig sein, ist es in der Praxis aber leider nicht. Insbesondere in den Arbeitsfeldern, die mit Menschen mit Beeinträchtigungen zu tun haben, wirkt das jahrzehntelang dominierende Fürsorgeprinzip strukturell nach, und es fehlt oft an Kreativität, welche Formen der Partizipation zu entwickeln und umzusetzen sind.
Diese Formen sind unverzichtbar, nicht nur um menschenrechtlichen Anforderungen zu genügen, sondern auch, weil nur dadurch Empowermentprozesse und sogar Gesundungsprozesse befördert werden können.

„Nicht ohne uns über uns“ war und ist ein zentraler Slogan der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Gerade beim Thema Inklusion, wo es im Kern um Gerechtigkeitsfragen geht, müssen die Menschen mit Behinderungen und Menschen mit anderen Exklusionsrisiken Teil des Gerechtigkeitsdiskurses und nicht Gegenstand desselben sein. Sie müssen als Experten in eigener Sache anerkannt sein und an den Prozessen beteiligt werden – auf Augenhöhe.


Keine Teilhabechancen ohne integrative Sozialpolitik

Inklusion gelingt, wenn sich in den Köpfen der Menschen etwas ändert, wenn Haltungen verändert werden. So hört man es oft, und es stimmt ja auch.

Am obigen Beispiel der Schule ist aber zu sehen, dass Inklusionsprozesse sehr stark von politischen beziehungsweise in der Gesellschaft gewachsenen und durch Interessen festgefügten Rahmenbedingungen abhängen. Haltungen allein genügen hier nicht. Oder anders herum gesagt: Exklusionsprozesse sind meist Ergebnis politischer, wirtschaftlicher und allgemein gesellschaftlicher Entwicklungen, die nicht durch eine Sozialpolitik verhindert oder gemildert werden konnten. Wichtiger Motor für Inklusion ist entsprechend eine Teilhabechancen ermöglichende Sozialpolitik, die den Reichtum in dieser Gesellschaft richtig umverteilt, die die Rechte der Einzelnen wirksam schützt und ihnen politische Anerkennung zu Teil werden lässt und die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt – die also im besten Sinne als integrative Sozialpolitik zu bezeichnen ist. Hier hat der Paritätische als Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege ein klares politisches Mandat und muss das Thema Inklusion nachdrücklich sozial- und gesellschaftspolitisch angehen.

Davor Stubican, September 2015